Samstag, 5. November 2011

Absurde Entwicklung der Risikomärkte in Marktwirtschaften

Paul JJ Welfens © 2011, November


Unsicherheitswahn oder: No Risk, no Fun in der Welt nach Lehman Brothers

Seit dem 15. September 2008, als die US-Regierung Lehman Brothers, die viertgrößte US-Investmentbank, in Konkurs gehen und damit etwas bis dahin für völlig unwahrscheinlich Gehaltenes erschreckende Realität werden ließ, ist die die Welt aus den Fugen. Wenn Lehman Brothers, eine altehrwürdige Bank an der Wall Street den Geist aufgeben kann, dann ist nichts mehr sicher. Die Welt ist voller Risiken. Die Großbanken misstrauen sich einander seither mehr oder weniger, die neue Staatsfinanzierungskrise von 2009-2011 hat sogar noch eine Verstärkung dieser Vertrauenskrise hervorgebracht, da nunmehr auch EU-Staaten als potenziell konkursgefährdet gelten. Kurz, wer mit offenen Augen durch die Welt geht bzw. sich im Internet bewegt, dem wird nicht entgehen, dass das private Risikomanagement doch künftig einen höheren Stellenwert haben sollte, als dies etwa noch in der Vätergeneration der Risikoblinden der Fall war. Die nachfolgenden Überlegungen, die auf dem internetgestützten Versuch der Buchung eines Fluges Amsterdam-London mit KLM, einer niederländischen Gesellschaft, basieren, verdeutlichten die neuen Probleme und die großartigen Herausforderungen bzw. Problemlösungsmöglichkeiten, vor denen die westlichen Industrieländer stehen.

Will man im Internet einen Flug Amsterdam-Edinburgh buchen, dann wird man aufgefordert zu entscheiden, ob man noch zusätzlich zum Basispaket eine Flugticketgarantie wünscht: Bei genauerem Hinsehen geht es nur um eine Flugticketgarantie, die laut klein gedrucktem Infotext das Risiko absichert, sollte die betreffende Fluggesellschaft KLM, die zu Air France gehört, in Konkurs gehen. Sechs Euro soll das kosten, das ist reichlich billig relativ zu einem nackten Ticketpreis von 100 € für den Hin- und Rückflug. Daraus könnten bösartige Pessimisten vielleicht entnehmen, dass die Wahrscheinlichkeit für einen Konkurs von Air France bzw. KLM relativ hoch ist – nach Lehman Brothers ist eben wirklich nichts mehr sicher - oder man nutzt seitens KLM einfach das neue post-Lehmannsche Zusatzbedürfnis nach Sicherheit gnadenlos aus. Jedenfalls ist dringend anzuraten, dass man eine Flugticket-Garantieversicherung erwirbt – wegen läppischer sechs Euro wird man ja wohl nicht eine sichere, ruhige Flugverbindung leichtfertig gefährden wollen und sich etwa dem Risiko eines plötzlichen Konkurses der gebuchten Fluggesellschaft aussetzen. Nachdem Lehman Brothers schon in ein Konkursverfahren eingetaucht ist und nachdem auch Länder wie Griechenland, Irland und Portugal und womöglich gar Italien als Staatsschuldner als gefährdet gelten, da ist ja ohne weiteres nachzuvollziehen, dass dann auch Fluggesellschaften Morgen oder Übermorgen in Konkurs gehen könnten. Es ist also nur vernünftig, dass man sofort die Ticketgarantieversicherung kauft. 
Man hat als Flugkunde, so muss man doch nüchtern feststellen, tatsächlich die vielen Risiken des Reisens per Flugzeug bislang nicht wirklich umfassend bedacht – und Oberflächlichkeit beim Fliegen ist natürlich nie empfehlenswert. Nun gut, bisher kannte man eine Reiserücktrittsversicherung und vielleicht noch eine Gepäckversicherung. Aber man muss bei etwas genauerem Nachdenken, bei Licht besehen, doch zugeben: Wer weiß eigentlich schon mit Sicherheit, ob der Zielflughafen beim geplanten Landedatum noch existieren wird – es gibt hier nämlich gewisse Risiken wie Erdbeben, Tsunami oder Überschwemmung und nur ein unverantwortlicher Träumer oder naiver Ignorant wird diese denkbaren Unbilden gänzlich ausblenden wollen. So gesehen ist eine Zielflughafenversicherung tatsächlich eine verantwortungsbewusste Ergänzung bei der Internetbuchung; sie wird, so hat sich bei meinen Internetrecherchen herausgestellt, noch nicht wirklich von führenden Fluggesellschaften angeboten; aber die Logik der Risikoanalyse macht es unabweisbar, dass man als Flugpassagier künftig beim Ticket-Kauf auch die Zielflughafengarantie dazu kauft bzw. eine entsprechende Zielflughafenversicherung abschließt. Allerdings, eine logische Ergänzung ist dann auch die Abflughafengarantie und eine entsprechende Versicherung. Denn auch dem Abflughafen kann grundsätzlich unter widrigen Naturbedingungen Übles zustoßen, so dass man erst gar nicht starten kann: Bei Amsterdam etwa kann man daran denken, dass eine größere Überflutung eintritt oder ein Meteorit oder auch Weltraumschrott sich den Flughafen Schiphool als zerstörerisches Ziel aussucht. Nur leichtsinnige Naturen werden solche risiko- bzw. sicherheitsrelevanten Überlegungen als unnötigen Alarmismus abtun wollen.
Wer einen Hin- und Rückflug plant, der muss natürlich insgesamt vier Flughafengarantiepreise im Zusatzmenü zahlen, wenn er denn ein nennenswertes Minimum an Risikoscheu aufweist; nehmen wir an, es geht jeweils um bescheidene fünf Euro plus sechs Euro für die Existenzversicherung der gebuchten Airline, dann steigt der Preis von eigentlich 100 € für das nackte Hin- und Rückflug-Ticket auch nur auf 126 €. Einen kleinen Haken hat die Sache noch: Denn kein Flugzeug fliegt ohne Triebwerke und diese sind ein sensibles Bauteil, bei dem es auch zu ernsten technischen Problemen kommen kann; der britische Triebwerkhersteller Rolls Royce konnte 2010 ein trauriges Lied davon singen und es hätte nicht viel gefehlt, da wäre der Triebwerkhersteller gar in ernste wirtschaftliche Schwierigkeiten geraten – Konkurs nicht einmal völlig ausgeschlossen. Wer also risikopolitisch nicht als fliegender Hasardeur gelten will, der sollte sich doch sicherheitshalber zu einer Triebwerksgarantieversicherung durchringen, die bei zwei Triebwerken auch nicht mehr als zusammen 15 Euro kostet. Das hebt den Preis dann allerdings schon auf 141 €.
Dennoch sollte man betonen, dass man als dann eigentlich startbereiter Passagier ja fast eine Rundumabsicherung hat. Denn sogar für den unwahrscheinlichen Fall, dass Naturkatastrophen auf dem Abflug- bzw. Zielflughafen ein Fliegen unmöglich machen, so ist dann doch eine Flugverbindung auf Basis von Ersatzflughäfen in der weiteren jeweiligen Region gesichert; und wenn tatsächlich auch noch der Triebwerkshersteller in Konkurs gegen sollte und dann keine Ersatzteile im Fall einer ggf. notwendigen Reparatur am Abflug- oder Zielflughafen mehr verfügbar sein sollten, das macht eigentlich nichts: Denn dank Triebwerksgarantie kann man dann auf einen Ersatzflieger umbuchen, der die Triebwerke eines konkurrierenden Flugzeugherstellers nutzt und wenn dann doch noch die gebuchte Airline in Konkurs geht, dann ist man ja trotzdem auf der sicheren Seite, weil man via „Garantieversicherung“ einen Flug auf einer Ersatzfluglinie nutzen kann. Möglicherweise muss man dann zwar einige Zwischenstopps einlegen, denn die erste Garantie, die Fluggarantie, hat ja verständlicherweise nur irgendeine Verbindung zwischen gebuchtem Abflug- und gewünschtem Zielflughafen garantiert. Dass man nicht unbedingt direkt die Verbindung Amsterdam-Edinburgh fliegen muss, wird wohl jeder aufgeklärte Zeitgenosse einsehen. Es wäre etwa ohne Weiteres eine Verbindung denkbar, die von Amsterdam nach Irland geht und dann von Irland direkt nach Edinburgh, was ja auch wirklich kein großer Umweg ist. Nur wenn man Pech haben sollte und doch zuerst von Amsterdam nach St. Petersburg fliegen muss und dann erst von dort über Stockholm nach Edingburgh, dann ist der Flugaufwand etwas höher als ursprünglich gedacht. Aber die Hauptsache ist ja doch, dass man am gewünschten Ziel irgendwie ankommt. Eine doppelte Zielflughafen- und doppelte Abflughafengarantieversicherung ist also in Verbindung mit einer Triebwerksgarantie das Mindeste, was man als Kunde noch dazu buchen sollte. Wer es allerdings wirklich ernst meint mit seinem persönlichen Risikomanagement, der sollte letztlich auch nicht vor dem weiteren empfehlenswerten Schritt zurückschrecken, eine Vulkanausbruchsversicherung abzuschließen. Denn man hat ja beim Ausbruch eines isländischen Vulkans gesehen, wie ein schnöder mittlerer Ausbruch eines alten Vulkanschlotes doch den Flugverkehr in Europa ganz schön durcheinander bringen kann. Wenn man sich überlegt, dass eine Vulkanausbruchsversicherung mit 20 € gar nicht einmal so teuer ist, so sollte man als risikobewusster Kunde dann eben auch diese 20 € dazu buchen, weil man erst dann einen ziemlich umfassend zu nennenden Risikoschutz hat. Der Flugpreis liegt nun auch nur bei 161 €, was nicht wirklich hoch zu nennen ist, wenn man die Entfernung zwischen Abflug- und Ankunftsflughafen und die Vielzahl konkreter Risiken bedenkt, gegen die man sich versichert hat. Wirklich auf der sicheren Seit ist man, wenn man die Sache etwas genauer betrachtet, allerdings erst, wenn man sich klarmacht, dass auch die Fluglotsendienste ausfallen könnten – etwa wenn der betreffende Staat in Konkurs geht, womit man nach dem Übergehen auf Anleihen mit Credit-Default-Klauseln ab Mitte 2013, gemäß EU-Planungen, ja wirklich grundsätzlich rechnen muss. Nicht umsonst wollten ja die Staats- und Regierungschefs künftig eben für geordnete staatliche Insolvenzverfahren sorgen, wenn denn wirklich ein derart ungünstiger Risikofall eintreten sollte.
Als Kunde mit Flugabsichten ist man von daher am Ende doch beruhigt, dass es wohl demnächst wirklich eine All-inclusive-Risiko-Versicherung gibt, die einen zum Preis von 200 € gegen überhaupt alle Risiken beim Fliegen absichert. Dann ist nun zwar der Ticket-Preis nicht unwesentlich höher als das nackte Ticket mit seinen 100 €. Aber, wie gesagt, wer wird schon so verantwortungslos sein, die wirklich große Vielzahl von Risiken in der modernen Welt einfach ausblenden zu wollen. Wenn man alles noch einmal durchrechnet, dann fällt manch kritischem Zeitgenossen bzw. manchen Reisewilligen auf, dass die Preisrelation Risikoabsicherungskosten von 200 € zum nackten Ticketpreis von 100 € nicht eben billig ist. Aber auch hier gibt es frohe Kunde. Denn die Finanzindustrie bietet Derivate auf die entsprechenden Risikopapiere bzw. Credit Default Swaps an, die bei Entstehen eines liquiden Marktes auf mittlere Sicht die Risikokosten deutlich unter 150 € drücken dürften – vielleicht auf lange Sicht gar an die 100 €-Grenze heranreichen; ja es gibt erfreuliche Szenario-Analysen, die zeigen, dass unter günstigen Umständen langfristig der Risikopreis sogar minimal unter den nackten Ticketpreis fallen könnte. Da erscheint dann der Gesamtticketpreis von kaum 200 € für einen Hin- und Rückflug Amsterdam-Edingburgh wirklich als Schnäppchen.
Wo steht denn im Übrigen auch geschrieben, dass man kurzfristig einen Flug von Amsterdam nach Edinburgh antreten muss? Bei ernsthaftem Nachdenken und etwas gutem Willen sollte es durchaus mit ein wenig Planungsflexibilität möglich sein, den Flug um einige Jahre zu verschieben – vielleicht gar um ein Jahrzehnt, damit man in den Genuss der langfristigen Preissenkung auf dem Risikomarkt durch die Expansion der bekannten, bewährten Derivatemärkte kommt. Natürlich wird es immer einige Nörgler geben, die aus einer spontanen Ärgerreaktion auf den Flug Amsterdam-Edinburgh überhaupt verzichten wollen, wenn sie die umfassenden Risiko-Ergänzungsinformationen mit den reichhaltigen Absicherungsmöglichkeiten  aufnehmen. Solchen Zeitgenossen kann zum Glück empfohlen werden, sich für die Strecke Amsterdam-London für die Fahrt mit einem Hochgeschwindigkeitszug zu entscheiden – da vergeht einem die Zeit auch fast wie im Fluge. Das Bahnticket Amsterdam-London ist bei mehrmonatigem Vorausbuchen eh günstiger als der nackte Flugpreis Amsterdam-Edinburgh. Die Risikoabsicherung fällt beim Bahntrip Amsterdam-London auch deutlich günstiger aus als für den vergleichsweise im Verkehrsaufkommen wenig eindrucksvollen Zielort Edinburgh, wo letzteres eben auch schlechtere Risikomischungsmöglichkeiten bedeutet: kurz eben höhere Versicherungsprämien. Von London aus kann man mit etwas Glück dann, bei Buchung einer Reise nach 2020, sogar kostenlos weiterfliegen nach Edinburgh. Denn die Europäische Union plant – dies ist noch nicht allgemein bekannt – in Ergänzung zum schon bewährten Teilchenbeschleuniger des CERN in Genf längerfristig auch den von Physikern immer wieder geforderten Bau eines Teilchenbeschleunigers London-Edinburgh. Da die Wissenschaft hier noch risikobereite Testpersonen sucht, die auf Basis der von Einstein so genannten spukhaften Fernwirkung mit Hilfe einer neuartigen, im Erprobungsstadium befindlichen Teleportierungstechnologie durch Raum und Zeit reisen wollen, kann man sich auf eine möglicherweise dann geglückte schnelle und dabei preiswerte Teleportierung London-Edinburgh freuen. Wie man sieht, stehen gutwilligen und risikobereiten Zeitgenossen gerade nach dem Konkurs der Lehman Brother Bank zumindest längerfristig hervorragende preiswerte Reisemöglichkeiten in fast ganz Europa offen. Da die Tickets für die Teleportierung nach dem Windhundverfahren vergeben werden sollen, empfiehlt es sich für zögerliche Naturen, sich rechtzeitig der Hilfe eines kundigen Psychologen zu versichern, damit etwaige Schnell-Buchungshemmungen zuverlässig überwunden werden. Das Motto des 21. Jahrhunderts könnte von daher einfach heißen: No Risk, no Fun oder: Schneller, riskanter, optimal. 



Dienstag, 20. September 2011

Griechenland-Krise und Italien-Rating als Euro-Problem

In der anhaltenden Griechenland-Krise ist die Regierung in Athen gefordert, endlich eine Reihe ernsthafter Sanierungsschritte für das Staatsbudget einerseits und die Rückkehr des Wirtschaftswachstums andererseits vorzunehmen. Der erste Besuch der Troika-Gruppe musste bekanntlich abgebrochen werden, da von Seiten der Athener Regierung keine vernünftige Vorbereitung der Sitzung erfolgt war - offenbar ist der Regierung der Ernst der Lage immer noch nicht hinreichend bewusst und weder sind umfassenden Privatisierungsvorbereitungen angelaufen, noch hat man sich in Sachen Steuersystemreform zu vernünftigen Reformen durchgerungen; an erster Stelle wäre hier die Einführung eines einfachen Einheitssteuersatzes zu nennen, der sich für Länder mit großen Korruptionsproblemen und Administrationsdefiziten in der Steuerverwaltung anbietet. Erfahrungen aus Osteuropa haben gezeigt, dass eine Flat-rate-tax zu einem Anstieg der Steuereinnahmen und einem positiven Wachstumsimpuls führen kann.
Zugleich muss man feststellen, dass jenseits technischer Hilfe von der Europäischen Kommission und den EU-Mitgliedsländern wenig Unterstützung für die wirtschaftliche Stabilisierung kommt. Griechenland bräuchte dringend eine deutliche Unterstützung durch Experten aus osteuropäischen EU-Beitrittsländern und von Seiten der EBRD, wo man in Sachen Privatisierungen große, wertvolle Erfahrungen hat. Es liegt an der EU, die Nutzung der Erfahrungen von EU-Partnerländern zu ermutigen - etwa indem man Entgegenkommen bei einem Heruntersetzen der Anforderungen an die Ko-Finanzierung zu EU-Strukturfondsausgaben mit der Bedingung verknüpft, dass die Regierung in Athen eben auch umfassend Experten aus EU-Partnerländern und der EBRD mit zu Rate zieht.
Mit der am 20. September erfolgten Herabstufung der Bonität Italiens verschärft sich die Euro-Krise weiter, in deren Verlauf eine Reihe von politischen Akteuren den Überblick verloren haben - zusammen mit bekannten Ökonomen bzw. Ratgebern, die über Monate hinweg einen Haircut für Griechenland gefordert haben.
Es ist zwar richtig, dass die hohe Schuldenquote Griechenlands auf Dauer als kaum tragfähig erscheint, aber eine isolierte Haircut-Aktion für Athen, bei der die Schuldenrefinanzierungsmöglichkeiten anderer Euro-Länder stark beschädigt werden, ist natürlich nicht vernünftig. Mit dem auf dem Brüsseler Euro-Sondergipfel beschlossenen haircut von 21% bei den privaten Gläubigern Griechenlands hat man aber gerade eine solche unkluge Maßnahme getroffen, die von den Kapitalmarktakteuren so interpretiert wurde und werden musste: Mit der Schuldenherabsetzung von etwa 1/5 bei Griechenland wird signalisiert, wie man in der Eurozone mit Krisenländern bzw. Solvenzproblemen umgehen wird - also droht bei einem Land wie Italien mit kritisch hoher Schuldenquote von etwa 120% in 2011 demnach ein Abschlag von 360 Mrd. € auf den Bestand von etwa 1800 Mrd. € Staatsschulden. Italien, das vor dem 21. Juli 2011 - ähnlich wie Spanien - vom Radar der Finanzmarktspekulanten weitgehend verschwunden war - ist nach den problematischen Beschlüssen vom 21. Juli nun auf weiter Flur ohne vernünftige Refinanzierungsmöglichkeiten bei der Staatsverschuldung. Auf dem Euro-Gipfel hat man auf törichte Weise die Refinanzierung der Staatsschuld Italiens - zusammen mit Bundesanleihen Deutschlands der größte Staatsanleihen-Markt in der Eurozone - zerstört; im wesentlichen werden wohl nur Banken und Versicherungen Italiens, die aus regulatorischen Gründen zum Kaufen von Italien-Anleihen quasi verpflichtet sind, noch Anleihen Italiens kaufen. Mit der Heruntersetzung der Bonität Italiens durch das neue Rating von Standard & Poor's werden die Versicherungsprämien für Italien-Anleihen weiter steigen, die Kurse der Anleihen weiter sinken, die Zinssätze für Italien weiter ansteigen.
Die großen Banken in Deutschland haben schon nach dem 21. Juli in großem Umfang angefangen, Italien-Anleihen und z.T. auch Spanien-Anleihen zu verkaufen und Ähnliches ist von Banken aus anderen EU-Ländern zu erwarten. Im Kern tritt jenseits von Banken und Versicherungen aus Italien fast nur noch die Europäische Zentralbank als Käufer von Italien-Anleihen auf; der EZB wird nun ausgerechnet von einigen "führenden Ökonomen" der Ankauf von Italien-Anleihen vorgeworfen, die mit ihrem ewigen Ruf nach Haircut für Griechenland zu den fatalen Beschlüssen vom 21. Juli und der Zerstörung der Refinanzierungsmöglichkeiten Italiens wesentlich beigetragen haben. Oxford-Finanzwissenschaftler Clemens Fuest steht hier mit Hans-Werner Sinn in der ersten Reihe der Haircut-Griechenland-Rufer und es gibt weitere prominente Namen, deren höchst zweifelhafter Rat bzw. bei denen fehlende Berücksichtigung der Kapitalmarktperspektiven zur Destabilisierung der Euro-Zone und gewaltigen Vermögensverlusten bei Italien-Anleihen und Spanien-Anleihen beigetragen haben. Der sehr starke Anstieg der Zinssätze für spanische und italienische Staatsanleihen unmittelbar nach dem 21. Juli 2011 spricht eine deutliche Sprache. Erst als die EZB mit einem Ankaufsprogramm für diese Anleihen begann - ein Schritt, der problematisch ist, weil er die übliche Trennung von Geld- und Fiskalpolitik aufzulösen droht und zu unklaren Verantwortungsbereichen führt -, ist der Zinsanstieg etwas zurückgegangen.
Es ist durchaus davon auszugehen, dass am Ende eines Anpassungsprozesses in Griechenland auch ein haircut für private und öffentliche Gläubiger stehen wird, aber eben erst nach umfassenden Privatisierungen und Strukturreformen. Man kann hier eine Menge vom Fall Polen als Transformationsland lernen, das viele schwierige Herausforderungen bewältigt hat.
Eine falsche Reihenfolge von Politikmaßnahmen könnte die Eurozone und die Weltwirtschaft in eine gefährliche Krise stürzen und auch gleich die nächste Bankenkrise herausbeschwören. Wenn Griechenland in Konkurs geht, dann besteht eine große Gefahr, dass Zypern gleich nachfolgt, denn dessen Banken halten sehr hohe Bestände an Griechenland-Titeln. Griechische Banken waren und sind in Balkan-Ländern engagiert, so dass auch dort Probleme entstehen werden, wenn im Gefolge eines Griechenland-Konkurses dann die griechischen Banken in Konkurs gingen bzw. massive Abschreibungen zu verkraften hätten. Der Druck auf Griechenland, Strukturreformen durchzuführen und den Haushalt zu sanieren, ist aufrecht zu erhalten; allerdings sollte man Athen auch Hilfen in der Anpassung bzw. in Sachen Wachstumspolitik geben. Die Konsolidierungserfolge in Irland und Portugal werden im Übrigen durch die Entwicklungen seit dem 21. Juli nicht gefördert - wenn die Eurozone bzw. die EU sich in 2012 in einer Rezession wiederfinden sollten, dann wird die Stabilisierung der Eurozone bzw. einzelner Mitgliedsländer sicherlich erschwert.
Die Tatsache, dass Ministerpräsident Berlusconi wütend den Chef einer großen deutschen Bank angerufen hat, um sich zu beschweren, dass die Bank Italien-Anleihen verkaufe, zeigt nur, dass man auf Seiten der italienischen Regierung die Nebenwirkungen der Beschlüsse vom 21. Juli 2011 nicht richtig eingeordnet hat. Es ist offenbar ein System entstanden bzw. ein Zustand, bei dem die große Politik große Fehler macht - teilweise geschubst in Richtung Abgrund von einigen prominenten Ökonomen aus Deutschland. Auch wenn es richtig ist, dass eine einfache Problemlösung kaum zu realisieren ist, so muss doch gerade wegen der ernsten Lage mit Ruhe und großer Sorgfalt in Wissenschaft, Wirtschaft und Politik vorgegangen werden (Mehr zur Analyse findet sich in meinem Beitrag in der September-Ausgabe des WIRTSCHAFTSDIENST; siehe auch www.eiiw.eu).
Als unakzeptabel und unethisch muss im Übrigen gelten, wenn der Chef eines staatlich finanzierten Wirtschaftsforschungsinstitutes öffentlich dazu aufruft, dass Deutschland die Europäische Zentralbank boykottieren möge - der Präsident der Deutschen Bundesbank, Jens Weidmann, solle nicht zu EZB-Sitzungen gehen, Staatssekretär Asmussen aus dem Bundesministerium der Finanzen soll nicht zum Nachfolger von EZB-Direktoriumsmitglied Stark ernannt werden, der am 9. September seinen Rücktritt erklärt hat; zu einem solchen Boykott fordert Hans-Werner Sinn, der Chef des Ifo-Instituts, München, in der Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung vom 11. September 2011 auf. Es ist unverständlich, dass Ifo-Chef Sinn sich nicht an demokratische Spielregeln halten will bzw. einen Boykott-Aufruf vornimmt - das ist eine Grenzüberschreitung, die man nicht akzeptieren kann. In einer Demokratie müssen sich doch im Reformprozess alle an die Spielregeln halten und die EZB ist eine wichtige, demokratisch legitimierte Institution mit hohen Ansehen. Wem etwa bestimmte Abstimmungsregeln in der EZB nicht gefallen, der muss sich schon der Mühen unterziehen, für entsprechende Reformen im Rahmen der parlamentarischen Prozesse zu werben, um Mehrheiten zu finden.
Mit wilden Boykott-Aufrufen gegen die EZB droht hingegen die Gefahr, dass die Eurozone sich am Ende gar in Weimarer Verhältnisse hinbewegt - und daran kann nun niemand ein Interesse haben. Europa steht vor großen Herausforderungen, eine historische Bewährungsprobe steht bevor, die es gemeinsam zu bewältigen gilt.